Politischer Diskurs

Verbaler Zündstoff mit Joschka und Dany


35 Jahre alt wurde die Karl Marx Buchhandlung in Frankfurt-Bockenheim, einst kritisch-intellektuelle Keimzelle der Studentenbewegung. Zur Feier waren ihre Mitbegründer eingeladen: Ex-Außenminister Joschka Fischer, Europa-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit und Historiker Dan Diner diskutierten über das Verhältnis von Amerika, Europa und dem Mittleren Osten.
 
Die Karl Marx Buchhandlung freute sich, dass Daniel Cohn-Bendit, Dan Diner und Joschka Fischer ihr "zum 35-jährigen Jubiläum die Ehre erweisen" und das große Finale ihrer Veranstaltungsreihe zur "politischen Urteilskraft" bestritten. Das Thema der Matinee mit dem Urgestein der Studentenbewegung: "Über politische Urteilskraft. Amerika, Mittlerer Osten und die Zukunft Europas".

Fischer zeigte sich pessimistisch: Er erwarte schon bald ernste Konfrontationen, der Nahe Osten sei die größte Gefahr für den Frieden in Europa. Sowohl im Iran als auch in Israel entwickele sich eine Situation, die die Sicherheit in Europa „ganz unmittelbar berührt wie wir es alle bislang nicht für möglich gehalten haben“, so der ehemalige Außenamtschef. „Wenn ich ein Programm zur zivilen Nutzung von Atomkraft auflegen möchte, ist das so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was der Iran gerade macht“, sagte Fischer zur Politik der Machthaber in Teheran.

Erste Frankfurter Adresse für Revolutionäres

Wer vor 35 Jahren die Gesammelten Werke von Karl Marx und Friedrich Engel oder auch die Mao-Bibel käuflich erwerben wollte, der ging in die Jordanstraße im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Die 1970 gegründete Karl Marx-Buchhandlung war damals die erste Adresse für die Werke der großen Vordenker der Weltgeschichte. Ist sie auch heute noch! Die Macher von einst stehen heute zwar nicht mehr hinterm Tresen, sondern haben den langen Marsch durch die Institutionen eingeschlagen und zum Teil schon hinter sich, doch die heutigen Betreiber sind dem ehemaligen linksradikalen-spontaneistischen Geist, der durch die Gänge der Buchhandlung wehte, immer noch ein wenig treu geblieben.
 
Startrampe für politische Laufbahnen

Die Karl Marx-Buchhandlung galt in in ihren Anfängen als die kritisch-intellektuelle Keimzelle der Studentenbewegung. Wer wollte, konnte beim Bücherkauf mit Joschka und Danny reden, diskutieren, polemisieren. Tom Königs gehörte mit zu den Gründungsmitgliedern und verwaltete eine Zeitlang als Stadtkämmerer Frankfurts Finanzen. Im Januar 2005 wurde er von Bundesaußenminister Fischer zum Beauftragten für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt ernannt. Allein Johnny Klinke wanderte später ins Varietéwesen ab und betreibt bis heute den Frankfurter "Tigerpalast" aufs Rentabelste.

Immer noch erste Adresse für Geisteswissenschaftliches

Heute hat sich die Karl Marx Buchhandlung zu einer der führenden Universitätsbuchhandlungen in Frankfurt gemausert. Und da die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche der Universität in den Poelzigbau umgezogen sind, hat "Karl Marx" dort in der Nähe zusammen mit einer anderen traditionsreichen Buchhandlung, der Autorenbuchhandlung, eine Dependance gegründet: die autorenbuchhandlung marx & co. Noch immer liegt der Schwerpunkt des Sortiments im pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Bereich.
(nrc)


"Karl Marx" feiert Jubiläum

Fischer an alter Wirkungsstätte


Untrennbar ist die Frankfurter Karl-Marx-Buchhandlung mit der Geschichte der Studentenbewegung verbunden. Anlässlich ihres 35-jährigen Bestehens trafen sich die prominenten Protagonisten am Sonntag zu einer Podiumsdiskussion.

„Über politische Urteilskraft. Amerika, Mittlerer Osten und die Zukunft Europas“, lautete recht akademisch der Titel der Veranstaltung. Im Mittelpunkt: Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer, der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit und der Historiker Dan Diner. Fischer zeigte sich pessimistisch: Er erwarte schon bald ernste Konfrontationen, der Nahe Osten sei die größte Gefahr für den Frieden in Europa.

"Europas Sicherheit berührt"
 
Sowohl im Iran als auch in Israel entwickele sich eine Situation, die die Sicherheit in Europa „ganz unmittelbar berührt wie wir es alle bislang nicht für möglich gehalten haben“, so der ehemalige Außenamtschef. „Wenn ich ein Programm zur zivilen Nutzung von Atomkraft auflegen möchte, ist das so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was der Iran gerade macht“, sagte Fischer zur Politik der Machthaber in Teheran.

"USA hinterlassen Vakuum"

Mit Kritik sparte Fischer auch nicht an den USA. Sie seien „zu imperialen Ordnungskriegen nicht in der Lage“. Statt eine neue Ordnung im Irak zu gestalten, hätten sie ein „ein Vakuum angerichtet, und dieses Vakuum wird künftige Konflikte verschärfen“. Bemerkenswerte Veränderungen hin zu mehr Demokratie erwarte er in keinem Land des Nahen Ostens.
 
Unterschiedliche Wertvorstellungen

Nach Einschätzung von Daniel Cohn-Bendit droht die aktuelle Entwicklung „aus dem Ruder zu laufen“. Dan Diner, der gegenwärtig in Jerusalem lehrt, machte „unterschiedliche Geschichtsschreibungen“ für den drohenden Konflikt verantwortlich. Die damit verbundenen unterschiedlichen Wertvorstellungen liefen gerade „konflikthaft aufeinander zu“.
(peen/TS)
 
© hr-online 2006 / erschienen am 6.2.2006