Sicherheit Europas auf dem Spiel


Der 35. Geburtstag der Karl-Marx-Buchhandlung im Zeichen des Konflikts zwischen dem Westen und dem Islam
VON CLAUS-JÜRGEN GÖPFERT

Die 68er Generation traf sich, aber auch viele junge Menschen kamen: Zum 35. Geburtstag der Karl-Marx-Buchhandlung diskutierten am Sonntag Joschka-Fischer und Daniel Cohn-Bendit im überfüllten Studierendenhaus der Frankfurter Universität mit dem Historiker Dan Diner.

Frankfurt · Grauhaarige Männer und Frauen umarmen sich gerührt, sprechen von einem "Familientreffen": Etwa 350 Menschen sitzen auf Stühlen, hocken auf dem Boden, drängeln sich - drinnen wie auch draußen vor dem Saal. Angezogen hat alle das 35-jährige Bestehen der Karl-Marx-Buchhandlung in Bockenheim. Der Festtag lockt auch Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) nach Frankfurt. Er ist einer der Gründerväter des Buchladens.

Von nah und fern sind am Sonntagvormittag prominente 68er angereist: Neben Fischer kommen der Europaabgeordnete Milan Horacek, einer der ersten Grünen, Tom Koenigs, früher Frankfurter Kämmerer, dann UNO-Diplomat und Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, aber auch der Staranwalt Eberhard Kempf sowie der Europaabgeordnete der Grünen Daniel Cohn-Bendit: Fischer war beim Notar als Bürge aufgetreten, als am 5. Februar 1971 die Buchhandlung gegründet worden war, Koenigs hatte später an der Kasse gesessen, und Cohn-Bendit hatte zu den Mitgliedern des Buchhandlungs-Kollektivs gehört.

Die Fünf vom heutigen Kollektiv - es gibt noch immer Einheitsstundenlöhne - aber wollen zeigen, dass sie "kein Fossil, sondern eine quicklebendige Buchhandlung" führen. Und dass sie ein Ort für die "Debatten von heute und morgen" geblieben sind. Deshalb zielt das Motto der Podiumsdiskussion "Über politische Urteilskraft - Amerika, Mittlerer Osten und die Zukunft Europas" mitten in die Konflikte der Gegenwart: "Eine völlig wahnsinnige Welt" (Cohn-Bendit), mit dem Aufruhr um anti-islamische Karikaturen, mit dem Wahlsieg der fundamentalistischen Hamas in Palästina, mit dem blutigen Irak-Konflikt. Moderator Cohn-Bendit, der sich unter Gelächter als "aktiver Politiker zwischen zwei Professoren" vorstellt, fragt: "Haben wir politisch überhaupt noch eine Chance, vernünftig gegenzusteuern?" Fischer zeichnet eine düstere Perspektive: Eine Konfrontation zwischen dem Westen und den islamischen Staaten mit "sehr viel Unglück für die beteiligten Völker". Von dieser Auseinandersetzung werde "Europas Sicherheit unmittelbar berührt werden, in einem Ausmaß wie noch nicht vorstellbar".

"Es gibt einen tiefen Graben"

Der 59jährige Geschichtswissenschaftler Diner verweist darauf, dass die historischen Perspektiven des Westens und der islamischen Welt schon lange auseinander klaffen Beispiel 8.Mai 1945: Für den Westen das Ende des Zweiten Weltkriegs, für den Islam aber der Tag des Massakers französischer Kolonialtruppen im nordalgerischen Sétif - das zur Initialzündung des algerischen Freiheitskampfes geriet. Auch Diner urteilt zur Gegenwart: "Die Welten trennen sich - es gibt einen tiefen Graben". Aber er zweifelt, "dass die Dinge sich derart zuspitzen müssen". Dem Irak sei "der Pluralismus in die Wiege gelegt". Diner betont die "narzistische Kränkung" vieler Muslime durch den "beständigen Vergleich" mit dem Westen.

Cohn-Bendit zeigt sich angesichts der jüngsten Konflikte sehr nachdenklich, ob das umstrittene Buch des konservativen Historikers Samuel Huntington vom "Zusammenprall der Kulturen" nicht doch zutreffe. Da gibt es ein Raunen im Publikum, das lange, geduldig und geradezu fasziniert zuhörte. Da sitzen der planungspolitische Sprecher der Frankfurter Grünen, Uli Baier, ebenso wie der Leiter des städtischen Presseamtes, Nikolaus Münster oder der Chef des Planungsamtes, Dieter von Lüpke. Ein Zuhörer wundert sich über sich selbst: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal an einer Veranstaltung teilnehme, die von der Polizei geschützt wird".


Lebendig


KOMMENTAR
VON CLAUS-JÜRGEN GÖPFERT

Ein wenig fühlte man sich an diesem Sonntag tatsächlich zurück versetzt in die frühen 70er Jahre an der Frankfurter Universität, als mit politischen Diskussionen noch mühelos große Hörsäle zu füllen waren. Der 35. Geburtstag der Karl-Marx-Buchhandlung war natürlich auch ein Nostalgie-Treffen der 68er Generation in Frankfurt - und man sah, dass etliche, die ihr angehören, es beim Marsch durch die Institutionen der Gesellschaft doch recht weit gebracht haben.

Doch zum Glück und zu Recht ging es nicht vorrangig darum, noch einmal die schöne alte Zeit heraufzubeschwören. Das Marx-Kollektiv wollte demonstrieren, dass es in der Gegenwart verwurzelt ist - und dass sich in Frankfurt noch mit politischen Themen Bürger anlocken lassen.

Und siehe da: Die Frankfurter Stadtgesellschaft scheint für so etwas allen Unkenrufen zum Trotz durchaus empfänglich. Es gibt offenbar eine lebendige Diskussionskultur - die am Sonntag übrigens auch jüngere Menschen anzog. Nicht nur für die Karl-Marx-Buchhandlung, sondern auch für andere kulturelle Institutionen in der Stadt ist das eine Ermutigung.

Natürlich sind es in der Mediengesellschaft von heute mehr denn je die vom Bildschirm her omnipräsenten Figuren, die Menschen faszinieren. Die Wirkung, die vom Frankfurter Joschka Fischer ausgeht, ist auch ein halbes Jahr nach dem Rückzug des früheren Bundesaußenministers ungebrochen.

Wer erlebte, wie sehr Fischer seinen sonntäglichen Auftritt genoss, glaubt nicht, dass der Grüne dauerhaft aus der Öffentlichkeit verschwindet.

© Frankfurter Rundschau / erschienen am 6.2.2006