Fest mit Joschka
Frankfurts Karl-Marx-Buchhandlung feiert 35-jähriges Bestehen
VON CLAUS-J. GÖPFERT (FRANKFURT)
Eines mag Verena Schaedel gar nicht: wenn "immer nur über die Vergangenheit geredet wird". Deshalb gleich eines vorweg: Die Karl Marx Buchhandlung im Frankfurter Stadtteil Bockenheim ist höchst lebendig und will es auch bleiben. Und wenn die nahe Johann Wolfgang Goethe-Universität bald ganz auf den neuen Campus Westend gewechselt sein wird, "dann ziehen wir mit der Buchhandlung auch noch einmal um". So Schaedel, die seit 1991 in dem Laden im Haus Jordanstraße 11 arbeitet.
Freilich: Ein wenig muss doch zurückgeschaut werden. Denn die Karl-Marx-Buchhandlung ist vor 35 Jahren gegründet worden. Und als Ende des Jahres 1970 das damalige Kollektiv eine Buchhandlungs-GmbH ins Leben gerufen hatte, da war als einer der Treuhänder beim Notar ein gewisser "Joseph Fischer, Lektor", aufgetreten.
Seit dreieinhalb Jahrzehnten gehört die Karl Marx zum kollektiven Bewusstsein der Linken in Deutschland. Angefangen hatte alles in einem Raum des Black Panther Solidaritätskomitees in der Unterlindau im Westend - von da aus zog man am 5. Februar 1971 in die Jordanstraße um. Gegenstand des Unternehmens war "der Handel mit Büchern und sonstigen Druckerzeugnissen, insbesondere der Werke von Karl Marx und der an dessen Theorie orientierten modernen sozialwissenschaftlichen Literatur".
Tom Koenigs an der Kasse
Nicht nur der spätere Bundesaußenminister Fischer - er gründete das mittlerweile geschlossene Karl-Marx-Antiquariat - gehörte zum Kreis um die Buchhandlung. Auch der Ex-Studentenführer und heutige Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit tauchte hier auf, an der Kasse saß eine Zeit lang der spätere Frankfurter Kämmerer und UNO-Menschenrechtsbeauftragte Tom Koenigs. Harry Oberländer, der heute für das Hessische Literaturforum arbeitet, half dem Gelegenheits-Taxifahrer Fischer damals, den Keller der Buchhandlung zu entrümpeln und umzubauen: "Den Schutt haben wir auf die Mülldeponie Buchschlag gefahren".
Mitte der 80er Jahre mussten tatkräftige Frauen dann den finanziell angeschlagenen Laden sanieren - unter dem Vorsitz von Petra Gienandt gründeten sie den Verein Friedrich Engels. Noch heute, so erzählt Schaedel, verdienen die fünf Mitglieder des Kollektivs "den gleichen Stundenlohn". Drei der fünf sind übrigens "Mitte Zwanzig".
Am 5. Februar kommen Fischer und Cohn-Bendit zu Besuch - und weil die Buchhandlung zu klein ist, diskutieren sie im nahen Festsaal des Studierendenhauses der Universität ab 11.30 Uhr unter dem Motto "Über politische Urteilskraft". Verena Schaedel schaut nach vorne: "Mit der Karl-Marx-Buchhandlung soll's lange weitergehen." Heute stehen auch Krimis und Romane in den Regalen. Und: "Raubdrucke verkaufen wir schon lange nicht mehr."
© Frankfurter Rundschau / erschienen am 19.1.2006