Subversion und Nostalgie


Das "Theoretische Sextett" befasst sich in der Marx-Buchhandlung gut gelaunt mit linker Theorie
VON SASCHA MICHEL

Eine schöne Idee: Sechs junge Akademiker, drei Männer, drei Frauen, allesamt (noch) in Frankfurt-Bockenheim an der Goethe-Universität sozialisiert, tun sich halb ironisch zu einem "Theoretischen Sextett" zusammen und diskutieren öffentlich über theoretische Bücher. Und wo machen sie das? Natürlich in der Buchhandlung Bockenheims, in der jeder Theoriebegeisterte seine Bücher kauft und die im November 35-jährigen Geburtstag feierte: in der Karl Marx Buchhandlung in der Jordanstraße.

Da saßen sie also, die sechs treuen Kunden der Buchhandlung, und stellten gut gelaunt ihre Bücher vor. Für Wein war gesorgt. Die Bude war voll. Leider nur, wie meist bei solchen Veranstaltungen, blieb das Milieu unter sich. Die Auswahl der Bücher war etwas kurios, verriet aber viel über die Sehnsüchte heutiger akademischer Mittdreißiger. Von den Theorie- Göttern und -Göttinnen vergangener Jahre, von Foucault oder Judith Butler, war erstaunlicherweise nie direkt die Rede. Stattdessen wählte das Sextett Titel aus, die etwas unterhalb des Olymp angesiedelt waren. Between Men von Eve Sedgwick (Columbia University Press) etwa wurde vorstellt, ein Insider-Klassiker der "Queer Studies". Und John Fiskes Lesarten des Populären (Löcker Verlag) hatte man wohl deshalb auserkoren, weil es irgendwann einmal gerade in Frankfurt wie eine Befreiung gewirkt haben muss, in den vergnüglichen Produkten der Kulturindustrie auch Potenziale von Subversion ausmachen zu dürfen.

Interesse an Stilfragen

Dass es um Subversion gehen würde, war wenig überraschend an einem solchen Abend. Überraschend aber war die Fähigkeit zur Historisierung wichtiger Diskurse. Dem Sextett schien es gar nicht so sehr um bahnbrechend Neues zu gehen. Das einzige Buch, das inhaltlich - schon im Titel - etwas Neues versprach, war Der neue Geist des Kapitalismus von Luc Boltanski und Ève Chiapello (UVK Verlag). Darin wird gezeigt, wie sich der Kapitalismus immer wieder gegen Kritik immunisiert, indem er sich externer Wertigkeitsordnungen bedient, die perfiderweise oft sogar antikapitalistisch sind. Sonst aber ging es den jungen Akademikern eher um Stilfragen als um inhaltliche Debatten.

An Marcus Steinwegs Buch Subjektsingularitäten (Merve Verlag) wurde zum Beispiel gelobt, dass es den apodiktisch-emphatischen Denkstil der alten poststrukturalistischen Autoren des Merve Verlags jenseits von bloßer Epigonalität wiederbelebe. Auch Alexander G. Düttmann wurde mit seiner Philosophie der Übertreibung (Suhrkamp Verlag)empfohlen, weil er ein glaubwürdiger "Statthalter Adornos" sei. Und bei Félix Guattaris (vergriffenem) Büchlein über die Mikropolitik des Wunsches (ebenfalls Merve) ging es zwar auch um die Aktualität lustvoll-subversiver Affekte im Kinosaal. Viel wichtiger aber war das affektive Verhältnis zum Buch selbst: zu den vergilbten Blättern und den Werbeanzeigen aus der Alternativszene der 70er Jahre. Zur heutigen Lust an linker Theorie gehört nun mal auch eine gehörige Portion Nostalgie.

© Frankfurter Rundschau / erschienen am 13.1.06